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Denkfehler
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Ein großer Teil der Arbeitslosen und derer, die um ihren Arbeitsplatz Angst haben, sind Opfer eines Denkfehlers, der unsere Gesellschaft im Griff hat. Gewiss ist die Situation mit dem Schicksal eines Friedrich von Spee, der zahllose Hexen auf ihrem Weg zum Scheiterhaufen begleitet hat, nicht vergleichbar. Wir sind ein reiches Volk, niemand wird amtlich verbrannt, unsere Arbeitslosen leben materiell besser als Milliarden schuftender Erwachsener und Kinder in den Ländern der Armut. Und doch erlebt man Tag für Tag eine unnötige Not, die zu ohnmächtigem Zorn gegen das herrschende Übel aufruft, ähnlich wie ihn damals die Erkenner des Ablass-Unwesens und später die Überwinder der Hexenverfolgung empfunden haben. Menschen leiden, fürchten sich, sind geduckt, mutlos - und alles nur deshalb, weil aus bestimmten Realitäten hochoffiziell fehl geschlossen wird, eine beträchtliche Arbeitslosigkeit sei derzeit unvermeidlich.
So nutzlos ein Ablass, so ungefährlich Hexenzauber ist, so wenig müssen, damit die Wirtschaft vernünftig funktioniert, viele Menschen arbeitslos oder von Arbeitslosigkeit bedroht sein. Folgendes stimmt allerdings: Fünf Leute an eine Maschine zu stellen, mit der einer zurechtkäme, diese kommunistische Lösung ist nicht zeitgemäß. Auf Computer zu verzichten, um Arbeitsplätze zu erhalten, wäre ebenso falsch. Arbeit ist dadurch definiert, dass sie für ihr Ergebnis notwendig ist. Massenhaft Bankbelege einzutippen war ehemals sinnvolle Arbeit, heute wüsste Jeder, dass ein Lesegerät dasselbe schneller, genauer und billiger machen könnte. Seine Arbeit wäre innerlich nichts mehr wert. Umfragen lehren aber: „Fast jede Arbeit ist besser als keine - richtig, aber jene Frauen, die von KZ-Schergen dazu gepeitscht wurden, einen Sandhaufen woanders hin zu schippen und dann wieder zurück, sie haben nicht gearbeitet, sie wurden teuflisch gequält.“ Sich gegen die Globalisierung, das heißt, den Export von Arbeitsplätzen zu wehren verspricht weder Erfolg noch ist es ethisch verlangt. Warum sollen bisher nicht so Begüterte nicht auch ihre Chance bekommen? Wo steht geschrieben, dass die Staaten der EU stets ganz oben sein müssen? Schließlich muss es einige Arbeitslose geben, um die Arbeitenden unter Druck zu setzen. Wo gar niemand entlassen werden darf, reißt der Schlendrian ein, auch jene Arroganz den Kunden gegenüber, die man aus sozialistischen Restaurants kennt. Furcht vor den Folgen von Rücksichtslosigkeit hält die Arbeitswelt gesund. All diese Gründe beweisen aber nicht die Vernunft dessen, was unser System derzeit praktiziert, die Arbeitslosigkeit vieler Tüchtiger und Leistungswilliger sowie die stets vorhandene Angst einer halben Generation vor demselben Schicksal.
Durch Arbeit zum allgemeinen Wohlstand beizutragen und dafür Anerkennung zu finden, gehört zur Menschenwürde, die unantastbar und vom Staat zu schützen ist. In der Antike mussten Sklaven und Unterschicht sich abrackern, während die Vornehmen in Muße lebten, so stellt man es sich vor. An diesem Bild sind Zweifel erlaubt. Jedermann/frau in leitender Position weiß, dass Organisieren, Koordinieren, Motivieren Untergebener gleichfalls Arbeit ist. Drohnen waren vermutlich auch damals nicht groß angesehen. In der Welt der Knappheit setzt die Freude paradiesischer Urlaubs- und Feiertage voraus, dass sie durch Arbeit verdient worden ist. Dass Maschinen uns Menschen mehr und mehr Arbeit abnehmen, gehört zum Alltag und ist grundsätzlich nicht schlecht. Soll die verbleibende Arbeit allen Arbeitswilligen zuteil werden, ist die Lebensarbeitszeit (ohne Lohnausgleich) zu verkürzen, am sinnvollsten in der Form längerer Urlaube. Denkt man die beträchtliche Verkürzung der durchschnittlichen Lebensarbeitszeit (Arbeitslose mitgerechnet!) in den vergangenen Jahrzehnten zusammen mit dem - dank immer tüchtigeren Computern - stürmisch wachsenden Automatisierungsgrad, so scheint eine Folgerung unabweisbar: „Um die notwendige Arbeit zu tun, würden bei gleicher Arbeitszeit stets weniger Menschen gebraucht. Deshalb wird bereits eine Zunahme der Arbeitslosigkeit um weitere Millionen vorausgesagt. Da es so nicht kommen darf, muss die bezahlte Arbeitszeit der Einzelnen weiter verkürzt werden.“
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